Kleidung, Bettwäsche, Säcke, Handtücher oder Arbeitskleidung – all diese wichtigen Textilien wurden aus einer Pflanze gewonnen, deren Bearbeitung die Menschen in der historischen Senne gemeistert hatten: dem Flachs!
Die sandigen Böden der Senne eigneten sich nicht für den Anbau der Pflanze. So wurde das Rohmaterial vor allem aus dem Ravensberger Land und aus Lippe bezogen. Kaufleute, die über das Land zogen, brachten die wertvolle Pflanze schließlich in die Senne. Aus dem Lipperland wurde sie sogar zu Fuß abgeholt. Der Flachs wurde zum Flachsgarn weiterverarbeitet und im Anschluss wieder an Händler abgegeben.
Die Verarbeitung von Flachs zu Stoffen war arbeitsintensiv und verband in jedem Schritt Tradition und Handwerk.
Nach der Ernte begann die mühsame Weiterverarbeitung des Rohstoffs. Die Stängel der Pflanze wurden nun „gerottet“. Bei diesem Prozess wurden sie zum Rotten in einen Wassergraben oder eine spezielle Röthegrube gelegt. Dadurch faulten die Pflanzen an und wurden morsch und brüchig. Dieser Schritt musste gut überwacht werden. Wurde der Flachs zu lange der Feuchtigkeit ausgesetzt, wurde das Material zu brüchig und konnte nicht weiterverarbeitet werden
Die folgenden Arbeitsschritte nannte man „Brechen“, „Schwingen“ und „Hecheln“.
Mittels der „Flachsbreche“ wurden die Fasern des Rohmaterials gebrochen. Beim Schwingen wurden die Fasern frei von Resten geschwungen und dadurch gesäubert. Im Anschluss wurden die Fasern zu gleichmäßigen Fäden gekämmt. Diesen Vorgang nennt man Hecheln. Erst danach war der Flachs bereit, um gesponnen zu werden.
Das Spinnen war eine typische Arbeit für die Frauen und Mädchen. Durch fleißige und gleichmäßige Arbeit entstanden in den Wintermonaten feine Leinengarne, die anschließend am Webstuhl zu Leinen weiterverarbeitet wurden. Das gesammelte Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben und verfeinert – daraus entstanden Stoffe in verschiedenen Qualitäten und vielen Webmustern.
Der Bearbeitung von Flachs wohnte zudem eine wichtige soziale Komponente inne – die gemeinsame Arbeit beim Spinnen und am Webstuhl diente dem Austausch, regte Gespräche an und diente der wichtigen Weitergabe von Wissen an die nächste Generation.
Bis zum Jahre 1850 war der Verkauf des Garnes unabdingbar, brachte jedoch nur schmale Gewinne ein.
Ein kleiner Teil des Garns wurde für den Eigenbedarf einbehalten. Aus ihm wurden an Webstühlen Flachsleinen, auch „Bauernleinen“ genannt, in mühevoller Handarbeit hergestellt. Um die Stoffe heller zu machen, kamen sie bei Sonnenschein und unter Zugabe von Wasser auf die Bleiche.
Als sich das Garn ab dem Jahre 1850 nicht mehr verkaufen ließ, stellte sich eine verheerende Armut in der Senne ein. Die Folgen waren Auswanderung und Mannsleute, die sich im Frühjahr zusammentaten, um bis zur Erntezeit auf Wanderarbeit zu gehen. Arbeit fanden die Männer zum Beispiel auf Ziegeleien oder großen Gutshöfen in Norddeutschland oder Holland (sogenannte „Hollandgänger“).
Der Flachs war eine wichtige Ressource. Vor allem in einer Zeit, in der Geld und Handelsgüter knapp waren, sicherte er das Überleben und die Unabhängigkeit der Menschen. Der fertige Leinenstoff besaß zudem genau die richtige Funktionalität für ein Leben in der Senne. Er war leicht, strapazierfähig und atmungsaktiv, wenn auch recht grob auf der Haut.
Kleidung zählte zudem als kostbares Gut. So wurde sie bei Beschädigung über lange Zeit geflickt und ausgebessert. Strümpfe wurden gestopft, Löcher genäht und dünne Stellen immer wieder verstärkt. Was nicht mehr tragbar war, wurde wiederverwertet. Mit dem modernen Konsumverhalten der heutigen Zeit ist solch eine hingebungsvolle Fürsorge nicht zu vergleichen.
Bis heute hat dieses Handwerk tiefe Spuren in der Region hinterlassen. So erinnern Straßennamen wie „Flachsrode“ oder „Rotheweg“ in Hövelhof an die mühevolle Flachsverarbeitung, die über viele Jahre hinweg zum Alltag der Menschen gehörte.
Vom Feld zur Faser
Flachsverarbeitung in der historischen Senne