Das ehemalige Taubenteich

Ein aufgelöstes Dorf in der Senne

Das kleine Dorf Taubenteich

Ein "Weiler", versteckt im Walde

Gut versteckt und umgeben von uralten Baumbeständen befand sich das kleine Dorf Taubenteich. Im 17. Jahrhundert gegründet, wurde es historisch auch als "Weiler" bezeichnet. Ein "Weiler" umschreibt eine ländliche Siedlung, die typischerweise aus 3-20 Gehöften besteht und oft landwirtschaftlich geprägt ist. Die Ansiedlung von Menschen in der abgelegenen Senne wurde von den edlen Herrschaften zu Lippe und dem Preußischen Staat gefördert. Eine Besiedlung der kargen Landschaft brachte mehr Kontrolle über das Gebiet und sollte zusätzlich dem Schmuggel entgegenwirken. Die Menschen wurden durch den günstigen Erwerb von Grund und durch steuerliche Vorteile in die einsame Gegend mit ihren kargen Böden gelockt.
Unterschieden wurde zwischen dem preußischen und dem lippischen Taubenteich. Dabei gehörte der preußische Teil zu Lippspringe und der lippische Teil der Gemeinde Haustenbeck an. Die Bewohner Taubenteichs fühlten sich jedoch grundsätzlich Lippspringe zugehörig. Dort wurden sie getauft, getraut und beerdigt. Einen eigenen Friedhof, eine Kirche oder Schule gab es in Taubenteich nicht und so spielte sich das soziale Leben gänzlich in Bad Lippspringe ab. 

Leben am Rande der Senne

Alltag, Glaube und Zusammenhalt

Aus nur wenigen Häusern bestehend war Taubenteich ein kleines Dorf, auch typischerweise „Weiler“ genannt. Aus schriftlichen Nachweisen geht hervor, dass im Jahre 1829 rund 44 Bewohner in Taubenteich lebten. Das Dorf wurde weder von einer Kirche noch von einer Schule geprägt. Für beides mussten die Bewohner weite Wege nach Lippspringe auf sich nehmen. Sonntags machten sie sich bei Wind und Wetter auf den unbefestigten Straßen auf den Weg und trugen dabei die sennetypischen Holzschuhe. Erst an der Kirche wurden diese gegen die guten Sonntagsschuhe getauscht, die sie an den Schnürbändern um den Hals trugen. Diese guten Schuhe mussten pfleglich behandelt werden, da jeder meist nur ein Paar davon besaß.

Arbeit, Fleiß und Einnahmen

Die Sicherung des Lebensunterhaltes

Die meisten Bewohner in Taubenteich hielten sich als Tagelöhner über Wasser. An eine feste und regelmäßige Arbeit zu kommen, war nahezu unmöglich. Es wurden alle Möglichkeiten genutzt, um zusätzliche Einkünfte zu erzielen und die Familie zu ernähren. Wenig eigene Investition forderte die Haltung von Bienen. Der Honig diente nicht nur dem Eigenverzehr, sondern wurde auch zum Verkauf in die umliegenden Dörfer gebracht.
Zusätzlich stachen die Bewohner Heideplaggen für die Landwirte. Diese nutzten die Plaggen als Einstreu in den Viehställen. Vermischt mit den Exkrementen der Tiere dienten die Plaggen als wichtiger Dünger für die Felder.

Schmuggel und neue Wege

Zwischen Armut und Gesetz

In der Senne war das Schmugglerwesen zu damaligen Zeiten weit verbreitet. Um die hohen Zölle zu umgehen, wurde vor allem Kaffee, Zucker und Tabak auf illegale Weise transportiert. Der „Diebesweg“ erhielt hierdurch mutmaßlich seinen Namen. Das Schmuggeln war jedoch nicht immer ein Ausdruck von kriminellen Absichten, sondern wurde oft aus bitterer Not und Armut geboren.
Um dem Unwesen entgegenzuwirken, förderten die edlen Herren zu Lippe und der Preußische Staat im 17. Jahrhundert gezielt die Ansiedlung von Menschen in der kargen Senne. Die Kontrolle über das Gebiet wurde somit gestärkt und es entstanden sichere Raststationen für Händler.


Die „Lippesche Teiche“

Spiegel der Senne

Unmittelbar in der Nähe von Taubenteich lagen die „Lippesche Teiche“. Sie wurden zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert zur Fischzucht genutzt. Die gemeine Bevölkerung hatte jedoch wenig davon, da die Fischereirechte bei den edlen Herrschaften lagen. Die Fischzucht sollte den großen Hunger der edlen Herrschaften stillen, die dem Freitagsgebot entsprechen wollten. Da am Freitag aus religiösen Gründen kein Fleisch verzehrt werden sollte, diente der Fisch als schmackhafter Ersatz. Noch heute zeugen Reste alter Dammbauten und Wasserläufe an der Lutter von dieser nachhaltigen Wirtschaftsform.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie fängt eine Landschaft in Taubenteich ein, die ein Feld mit Bäumen und Sträuchern, einen klaren blauen Himmel und ein Gefühl der Ruhe zeigt.

Was von Taubenteich bleibt

Der Wandel einer Landschaft

Heute ist von Taubenteich kaum noch etwas sichtbar. Alte Wegeführungen und archäologische Spuren geben Hinweise auf das einstige Dorf und die Menschen, die dort lebten. Die Ansammlung von Gehöften bestand nachweislich nicht aus gemauerten Häusern, sondern durchweg aus Fachwerkhäusern, die über die Jahre gänzlich verfallen sind. Alles, was bleibt, ist ein stiller Ort der Erinnerung und ein Beispiel von enger Verflechtung zwischen Natur und Zivilisation.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine ehemalige Hausstätte in Taubenteich mit einer grasbewachsenen Wiese, kahlen Bäumen und einem klaren blauen Himmel.

Das Ende

Auflösung durch den Truppenübungsplatz

Im Jahre 1892 wurde das Dorf durch die Erweiterung des Truppenübungsplatzes vollständig aufgegeben. Die Bewohner mussten weichen, das Dorf wurde geräumt und verschwand mit den Jahren Stück für Stück in der Natur der Senne.


Wandernde Häuser

Ein Dorf zieht weiter

Nach der Auflösung des Dorfes traten einige der Häuser in Taubenteich eine kuriose Reise an. Vermutlich vier der Fachwerkhäuser wurden sorgsam Balken um Balken abgetragen, um an einem neuen Standort wieder aufgebaut zu werden – und zwar im nahegelegenen Lippspringe.
So entstanden an neuen Orten bekannte Formen. Das war für die Bewohner aus Taubenteich ein schmerzhafter und gleichzeitig tröstlicher Prozess. Ihre Geschichte wurde so in einen neuen Heimatort weitergetragen. Als weitere Entschädigung erhielten die Bewohner Taubenteichs vermutlich Grundstücke in Lippspringe und der näheren Umgebung. Bis heute erinnert der "Taubenteicher Weg" in Bad Lippspringe an diese Ereignisse.

Stimmen der Vergangenheit

Geschichten, die über Generationen weitergetragen wurden

Als Teil von lebendigen Familiengeschichten ist Taubenteich viel mehr als nur ein Ort der Vergangenheit. Herr Ludwig Mikus, dessen Ur-ur-Großvater in Taubenteich geboren wurde, erzählt von Erinnerungen und Eindrücken, die über Generationen weitergegeben werden.
Von Eltern zu Kindern, von Großeltern zu Enkeln.

Herr Ludwig Mikus lebt in Bad Lippspringe und ist heute 75 Jahre alt. Seine mündlich überlieferten Erfahrungen geben einen lebendigen Einblick in den Alltag der Menschen und übermitteln spannende Informationen rund um die Senne und ihre geschichtsträchtige Vergangenheit.

Hören Sie rein und tauchen Sie ein!